|
|
Was die Medien sagen!
|
|
Mendelssohn beim Wort genommen, Hans-Rudolf Binz, Mittelland Zeitung
|
|
|
|
|
|
Oberbuchsiten Der Kammerchor Buchsgau und das Orchester cantus firmus consort wussten zu begeistern.
Am Wochenende - 21. und 22. Mai 2005 - führte der Kammerchor Buchsgau in der Pfarrkirche in Oberbuchsiten Mendelssohns «Elias» auf. Solisten, Chor und das Orchester cantus firmus consort wussten die zahlreich erschienene Zuhörerschaft zu begeistern. Der Chor steht neu unter der Leitung von Andreas Reize.
In der ganzen Musikgeschichte ist wohl kaum ein dümmerer Satz geschrieben worden als Richard Wagners Behauptung, Mendelssohn-Bartholdy habe «uns gezeigt», dass es einem Juden unmöglich sei, «auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervor zu bringen, welche wir von der Kunst erwarten». Auf jeden Fall erfuhr diese unsägliche Behauptung Richard Wagners in der Aufführung des «Elias» von Felix Mendelssohn-Bartholdy durch den Kammerchor Buchsgau und das Orchester cantus firmus consort eine ebenso totale wie glänzende Widerlegung: Die so genannte historische Aufführungspraxis, das heisst die in jeder Hinsicht möglichst getreue Umsetzung der Intentionen des Komponisten, brachte die ganze Dramatik, aber auch die lyrischen Stellen dieses grossartigen Werkes zu eindringlicher Wirkung.
|
Neuer Dirigent
|
Dem neuen Dirigenten der Buchsgauer, Andreas Reize aus Solothurn, haben Paul von Arb und Bruno Späti einen gut geschulten Chor mit solider Grundlage hinterlassen. Mit stimmbildnerischer Arbeit in Kleingruppen wird nun die Aufbauarbeit der Vorgänger weitergeführt und vertieft. Die Verbindung mit dem ebenfalls von Andreas Reize geleiteten cantus firmus consort darf als ausserordentlich glücklich bezeichnet werden: Ein mittelgrosser, leistungsfähiger Chor und ein mittelgrosses, am Instrumentarium des frühen 19. Jahrhunderts orientiertes Symphonieorchester standen sich in einer ausgewogenen Balance gegenüber und waren der Oberbuchsiter Kirche als Aufführungsraum vollkommen angemessen, denn ein «Mendelssohnorchester» ist zwar längst nicht mehr barock, aber immer noch viel farbiger als ein modernes Symphonieorchester und vor allem weniger laut, ohne dass sich die Spielenden ständig zurückhalten müssten.
Es sind aber nicht nur die Instrumente, sondern es ist auch die Spielweise, die für das Klangergebnis entscheidend ist. Anders als bei dem am frühen 20. Jahrhundert orientierten modernen Orchester ist die Tongebung weniger künstlich und lässt die natürliche Tonschönheit sich ungehindert entfalten. Ein wichtiges Mittel dazu ist neben differenzierter Artikulation der Verzicht auf das Dauervibrato, was die Intonation zwar eher erschwert, dafür aber Klänge von berückender Reinheit erzeugt. Diese Spielweise, verbunden mit einer genauen Beachtung der Vortragsangaben des Komponisten, führt nicht nur zu einem plastischen Klangbild, sondern bringt die ungeheure Dramatik dieser Musik erst richtig zum Leben, exemplarisch dafür etwa gleich am Anfang in der eröffnenden Orchesterfuge, beginnend pianissimo in der Tiefe und über mächtige Steigerungen und Akzente in den verzweifelten Hilferuf des Eingangschores mündend.
Ein unlösbares Problem verursachte die historische Stimmtonhöhe von a' (430 Hertz): Es gibt keine Kirchenorgeln in dieser Stimmung. Die Orgelstimme musste daher behelfsmässig auf einer transportablen Truhenorgel ausgeführt werden, was nicht den Vorstellungen Mendelssohns entspricht, denn er rechnet mit einer grossen Orgel, mit starken Pedalregistern, die an bestimmten Stellen dem Orchester mit ihrem spezifischen Klang eine eigene Klangfarbe hinzuzufügen vermag. In einem Brief schrieb der Komponist denn auch von den «Orchester-, Chor- und Orgelmassen».
|
Titelrolle ideal besetzt
|
Noch nicht ganz so weit fortgeschritten auf dem Weg zur historischen Aufführungspraxis waren einzelne der Gesangssolisten (Vera Ehrensperger, Sopran; Barbara Erni, Alt; Rolf Romei, Tenor; Dominik Wörner, Bass; Anna Steiner, Sopran; Gisela Trost, Alt; Raphael Widmer, Tenor; und Andreas Felber, Bass). Eine gewisse Unausgewogenheit machte sich in den Ensemblestücken (Quartett, Doppelquartett) bemerkbar, indem einzelne Stimmen hinter andern zu sehr zurück traten.
Wenn auch die Ensembles homogener klangen, als man es von «konventionellen» Aufführungen her gewohnt ist, so sind hier gewiss noch Verbesserungen möglich, wenn die Vokalisten den Weg zu der im Textheft beschriebenen Musizierweise im Sinne des frühen 19. Jahrhunderts ebenso konsequent gehen wie die Instrumentalisten. Allzu häufiges Vibrato wirkte bei der ersten Sopranistin manchmal etwas störend neben den «geraden» Tönen der Instrumente. Damit sollen nicht ihre stimmlichen Qualitäten oder ihre Ausdruckskraft geschmälert werden; ihre Wiedergabe etwa der um ihren Sohn klagenden Witwe liess wohl niemanden kalt.
Die dominierende Rolle fällt naturgemäss dem Titelhelden, dem Elias, zu. Mit Dominik Wörner, der kurzfristig einspringen musste, war diese Partie ideal besetzt. «Stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, im Gegensatz zum Hofgesindel ... und doch getragen wie von Engelsflügeln» stellte sich Mendelssohn den alttestamentlichen Propheten vor - und genau so wirkte er in der Verkörperung durch Dominik Wörner.
Dagegen anzukommen war für die übrigen Solisten nicht leicht, wenn sie auch in Arien und Rollen Vorzügliches boten, so etwa der Tenor, der als Obadja im gleichen Rezitativ den Zorn und die Gnade Gottes repräsentieren muss, oder die Königin (Alt), die mit fast hinterhältiger Stimme das Volk gegen Elias aufhetzt. Ebenso überzeugend wirkte Joël Morand (Knabensopran) als jener Knabe, der nach dem Regen Ausschau halten muss.
|
Chor und Orchester harmonierten
|
Auch der Chor wusste sehr gut die verschiedenen Stimmungen dieses Werks zu gestalten und harmonierte vorzüglich mit dem Orchester. Andreas Reize verstand es, seine Intentionen auf die Singenden zu übertragen und sie mit klaren, jede Theatralik vermeidenden Bewegungen zu führen. Kleine Ungenauigkeiten, wie sie bei Laienchören nicht zu vermeiden sind (und für Liebhaberchöre wurden die Oratorien ja damals geschrieben), fielen kaum auf und taten der Wirkung keinen Abbruch.
Mendelssohns «Elias» ist ein dermassen gut komponiertes Werk, dass die Ausführenden bei der Wiedergabe eigentlich nur das herausholen müssen, was in den Noten steckt, um die Zuhörenden zu packen und zu ergreifen, alles weitere ist überflüssig, ja schädlich. Diese scheinbar so leichte und doch so schwierige Aufgabe in beeindruckender Weise gemeistert zu haben, machte die Aufführungen vom letzten Wochenende zu einem besonderen, in dieser Region erstmaligen Ereignis. Das Publikum in der beide Male sehr gut besetzten Kirche hat dies, bewusst oder unbewusst, verstanden und sich mit lange dauerndem, begeistertem Applaus für diesen «entschlackten Mendelssohn» bedankt.
Die Zusammenarbeit von Andreas Reize mit dem Kammerchor Buchsgau und dem cantus firmus consort hat überaus viel versprechend begonnen. Auf die Fortsetzung des eingeschlagenen Weges darf man jedenfalls gespannt sein und sich freuen.
«Elias»-Oratorium Der Kammerchor Buchsgau führte unter der Leitung von Andreas Reize Mendelssohns Werk auf.
|
|
|